Coronavirus: „Schon für das normale Tagesgeschäft sind Kliniken aus pflegerischer Sicht nicht gewappnet“

Personalmangel, spärliche Ausstattungen und Pflegekräfte, die an ihrem Limit arbeiten: In Zeiten der Coronakrise dürfte so manchem langsam dämmern, dass die seit langem bekannten Probleme in unserem Gesundheitssystem und in der Pflege sich irgendwann bitter rächen werden. Monja Schünemann, ausgebildete Krankenschwester und Historikerin, findet auf ihrem Blog mypflegephilosophie.com immer wieder klare Worte zum Thema Pflege. Im NachDenkSeiten-Interview verdeutlicht sie, wie schlimm es um die Pflege bestellt ist:

NachDenkSeiten 16.3.2020

Die besondere Situation durch die Coronakrise erfordert eine Diskussion. Deshalb ein Update vom 19.3.2020:

Unabhängige Betriebsgruppe »Uns reicht’s« Kommunale Kliniken Bremen (Mitte)

Die Ausgabe von “uns reicht`s” Nr. 41 vom März 2020: Kolleg*innen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, sollen weiter arbeiten! … Und zu guter Letzt fordern wir in der jetzigen aktuellen Coronasituation: 500 Euro an die Beschäftigten!New
Liebe Kolleg*innen, das Coronavirus trifft das Gesundheitswesen in Zeiten von horrendem Pflegenotstand, massiver Arbeitsbelastung und Arbeitsverdichtung und Versorgungslücken, die ihre Ursache in der Ökonomisierung durch das Fallpauschalensystems (DRGs) hat.
Der Coronavirus bestimmt den Krankenhausalltag auch im Klinikum Bremen Mitte seit einiger Zeit. Eine Krisensitzung jagt die andere. Einen besonderen Dank geht an die Kolleg*innen, die innerhalb einer sehr kurzen Zeit die Coronaambulanz im Haus 99 (die ehemalige Station 6 im Modulbau) eingerichtet haben. Aber es ist ein absoluter Skandal, ein menschenverachtender Akt, wenn die Kolleg*innen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, weiter arbeiten sollen. So jedenfalls möchte es die GeNo-Direktion, wie sie es in einer Mitteilung an die Krankenhausbeschäftigten kundgetan haben. Wir können den Kolleg*innen nur raten, in so einem Falle sich sofort krankschreiben zu lassen.
Mangelnde Händedesinfektion aufgrund der hohen Arbeitsbelastung und fehlende Schutzausrüstungen gefährden den Gesundheitsschutz der Beschäftigten und Patient*innen in unseren Krankenhäusern. Sparvorgaben und Produktionsverlagerungen ins Ausland haben zu einer maximal knappen Materialbevorratung geführt, welches sich täglich bemerkbar macht. Schutzkittel und Mundschutz z.B. müssen jetzt in der Regel mehrfach verwendet werden. Die Hygienerichtlinien werden aufgeweicht. Natürlich müssen wir mit den knappen Ressourcen sorgsam umgehen. Desinfektionsmittel werden in den Krankenhäusern knapp. Die Kosten für diese notwendigen Arbeitsmittel haben sich dramatisch erhöht. Wie sollen wir ohne diese Hygiene- und Schutzmaterialien die erkrankten Menschen adäquat versorgen und dies auch noch in Zeiten von einem enormen Pflegenotstand im Gesundheitswesen.
Alle möglichen verschiebbaren Operationen (v.a. absurde, medizinisch nicht notwendige Eingriffe) bis auf weiteres abzusagen ist sicherlich sinnvoll. Die Krankenhäuser durch Kompensationszahlungen von Wettbewerb und Sparzwang zu befreien, geht in die richtige Richtung: der Markt wird es nicht richten. Diese Kompensationszahlungen dürfen keine Finanzspritzen für die privaten Krankenhauskonzerne sein. Um das Überleben aller Einrichtungen im Gesundheitswesen zu sichern, müssen die anfallenden Kosten refinanziert werden und ein weiterer wichtiger Schritt wäre die Abschaffung der Fallpauschalen. Die Beschäftigten aller Berufsgruppen müssen bei der Umstrukturierung der Versorgungsabläufe mit einbezogen werden, damit kein Chaos entsteht.
„Ich glaube, dass wir wir diese Krise meistern können, nicht, weil das Gesundheitssystem gut vorbereitet ist, sondern weil wir uns alle den Arsch aufreißen werden. Aber darauf kann sich ein Gesundheitssystem nicht dauerhaft stützen“, so eine Berliner Kollegin. Dem ist nichts hinzuzufügen.

    • Ein Diskussionsbeitrag zu Corona: Für ein gemeinwohlorientiertes Gesundheitssystem und einen Umbau der Wirtschaft!
      “Aktuell stellt Corona die Welt auf den Kopf und hat tiefgreifende Konsequenzen für unseren Alltag. Corona ist ohne Zweifel eine Epidemie, die Zahl der Ansteckungen wächst. Für die Zahl der letztendlich zu erwartenden Sterbefälle gibt es sehr unterschiedliche, gut begründete Prognosen. Zur Einordnung hilft vielleicht der Blick auf andere erschreckende Zahlen, die jedes Jahr wiederkehrend zu registrieren sind. Wir beschränken uns auf Deutschland, aber alle genannten Beispiele haben ebenso globale Dimensionen wie auch Corona:  Jährliche Grippewelle: 2019 hat die Grippewelle in Deutschland 182.000 Menschen erfasst und 954 Tote gefordert. Jährliche Krebserkrankungen: 2016 erkrankten ca. 491.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs, 229.000 Menschen starben an dieser Krankheit. Jährliche Gefahr im Straßen-Verkehr: 2019 wurden 396.000 Menschen verletzt, 3.275 wurden getötet. Über den zu erwartenden Verlauf der gegenwärtigen Epidemie besteht keine Einigkeit.
      Der Notstand
      Völlig neu ist die Lage nur in dieser Hinsicht: Noch nie, bei keiner der oben genannten Gefahrenlagen, hat es je annähernd so extreme „Schutzmaßnahmen“ gegeben, wie sie jetzt in immer hektischerem Tempo über uns und die gesamte Gesellschaft verhängt werden: Einschränkung der kleinräumigen, nationalen und internationalen Bewegungsfreiheit; Festsetzung in Wohnungen, Gebieten und Städten; Schließung der sozialen Infrastruktur wie Kindertagesstätten, Schulen, Restaurants, Freizeitstätten etc.; mögliche Verhängung von Zwangsarbeit; Beeinträchtigung bzw. Aussetzung demokratischer und anderer Rechte; Ausrufung des Notstands in Bayern; Einsatz der Bundeswehr im Inneren.
      Ein Ende der Verhängung weiterer Maßnahmen ist bislang nicht in Sicht.
      Die Notstands-Maßnahmen umfassen augenfällige Seltsamkeiten. So werden in Deutschland „unbegrenzt“ Finanzmittel für die „Wirtschaft“, also für die großen Konzerne, Banken und Ultra-Reichen, zum „Ausgleich“ bereitgestellt. Kleine Unternehmer, Mini-Jobber und Freischaffende stehen erst mal alleine da. Auch Kündigungen setzen in diesen Tagen tausende vor die Tür. Dabei wird von den „Folgen der Corona-Krise“ gesprochen, doch tatsächlich geht es um die Folgen nicht der Virus-Welle, sondern der ohnehin begonnenen Wirtschafts-Krise und der verhängten Maßnahmen. Und während also die Konzerne entschädigt werden, stehen für die normalen Menschen, deren Reisen storniert werden, die nicht mehr arbeiten können, weil sie ihre Kinder beaufsichtigen müssen usw. usf. keine ausgleichenden Zahlungen zur Verfügung.
      Ganz offenkundig geht es hier also – wieder einmal – um ökonomische Fragen. Wird nicht auch diese Krise zur weiteren Umverteilung von unten nach oben genutzt? Haben nicht die Reichsten der Reichen, die fast drei Viertel des gesamten Weltvermögens ihr eigen nennen und um die weitere Steigerung ihrer Profite bangen, ein großes Interesse an der Zerschlagung des Mittelstandes? Wird die Krise nicht für eine Destabilisierung der Welt genutzt, um dann für die (überlebenden) stärksten Konzerne die Märkte neu aufzuteilen? Werden im Schatten der Krise nicht die Militarisierung und die weitere autoritäre Ausrichtung der Staaten vorangetrieben? Dient die Covid-19-Welle jetzt als Sündenbock für die schwere Wirtschafts-Krise aufgrund von Profitgier und Spekulationssucht, vor der Expert*innen seit Jahren bereits warnen? Sollen im Schatten von Corona die Flüchtenden in Griechenland ein für alle Mal mit brutaler Gewalt zurück geschlagen werden?
      Wachsamkeit & Solidarität
      Über all das lohnt es sich nicht nur nachzudenken. Seien wir wachsam und solidarisch. Lassen wir vor allem die betroffenen Berufsgruppen nicht allein, die nun vor dem Aus stehen. Unterstützen wir auch die Forderungen der Arbeiter*innen der Pflege- und Liefer-Dienste, auf deren Knochen die Krise im wahrsten Sinne des Wortes geht! Nachdem Krankenhäuser jahrelang kaputt gespart wurden, wird das  Chaos nun höheren Mächten in die Schuhe geschoben. Doch Pfleger und Krankenschwestern gab es auch vor der Corona-Welle zu wenige. Nun sollen sie die Suppe auslöffeln, die ihnen Jens Spahn und seine Vorgänger eingebrockt haben? Mehr als Dankbarkeit brauchen die Krankenschwestern eine angemessene Bezahlung, sichere Arbeitsbedingungen und Unterstützung für ihre Familien, die Verstaatlichung von relevanten Pharma-Bereichen, die Inbetriebnahme stillgelegter Kliniken, Neu- und Wiedereinstellungen von Kolleg*innen. Uns ist es bewusst, dass neue Kolleg*innen erst dann kommen werden, wenn sich die Arbeitsbedingungen sich deutlich verbessern.  Auch Lieferfahrer*innen sollen unter Missachtung von Arbeitsrechten die Versorgung der ganzen Bevölkerung retten. Sie müssen nicht nur erkrankte Personen mit lebensnotwendigen Gütern, sondern auch immer größere Teile der unter Quarantäne gestellten Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgen. Die Konzerne bezahlen ihnen zugleich krankheitsbedingten Ausfall nicht, obwohl die Fahrer besonders gefährdet sind: Einer Umverteilung zugunsten der Konzerne müssen wir eine entschiedene Absage erteilen! Wir fordern:

      • staatliche Sofort-Direktinvestitionen in Milliardenhöhe in öffentliche Gesundheitseinrichtungen zur Notfallbewältigung!
      • ein Investitionsprogramm für den sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft, insbesondere und dringend für den Ausbau eines auf flächendeckende Versorgung ausgerichteten Gesundheitswesens!
      • Einkommenssicherung für Arbeitnehmer*innen bei Arbeitsausfall!
      • Einkommenssicherung für Arbeitnehmer*innen bei Arbeitszeitreduzierung wegen Kinderbetreuung!
      • Überbrückungskredite für Selbständige und kleine Unternehmen, die mit Liefer- oder Absatzschwierigkeiten kämpfen! die Finanzierung dieser Aktivitäten mittels Krediten durch temporäre Erhöhung der Verschuldung und deren Begleichung durch effektive Besteuerung von Vermögen, gerechter Unternehmensbesteuerung und Verhinderung von Steuerflucht und Steuervermeidung!Keine Panik!
        Die Gefährdeten unter uns – das heißt besonders die älteren und/oder vorerkrankten Menschen – müssen wir in solchen Zeiten durch gemeinsame Vorsicht unterstützen. Solidarität muss immer unser oberstes Gebot bleiben. Das Schüren von Angst und Panik, wie sie momentan betrieben wird, richtet sich neben allem oben bereits genannten auch gegen die Solidarität und das gemeinsame Handeln. Und: Mehr als alles andere gefährdet uns eine Panik-Mache, die zu Kopflosigkeit, brutaler Gewalt und Egoismus führt und ausbeuterischer, autoritärer bzw. neofaschistischer, rassistischer und militaristischer Politik Tür und Tor öffnet.
        Vor dem Hintergrund des drohenden Kollaps der Weltwirtschaft, einer Hungers-Katastrophe, voranschreitendem Klima-Chaos, brutaler Bekämpfung von Flüchtenden, drohender Weltkriegsgefahr und angestrebter Neuordnung der Welt im Interesse der Maximal-Profite ist die Corona-Pandemie weltweit bereits zum Experimentier-Labor autoritärer Maßnahmen geworden. Noch verheerender wird die Lage, wenn wir darüber den Kopf verlieren.
        Vergessen wir nicht: Verantwortlich für die immer verheerenderen Epidemien sind gerade die Pharma- und die Agrarindustrie sowie die Privatisierung und Zerstörung der öffentlichen Gesundheitsvorsorge.
        Auch der militärisch-industrielle Komplex erforscht und entwickelt weiter ABC-Waffen (ABC steht für „atomar“, „biologisch“, „chemisch“), die kaum öffentlich diskutiert werden. Was aber keineswegs heißt, dass diese Forschung und Erprobung nicht existieren würde.
        Die Virus-Epidemie zeigt einmal mehr, wie Profite über Menschenleben gestellt werden. Und wie wichtig unabhängige Konzern-Kritik ist.
        Das System macht keine Fehler. Es ist der Fehler!
        Und zu guter Letzt fordern wir in der jetzigen aktuellen Coronasituation: 500 Euro an die Beschäftigten!
        Die Kolleg*nnen von uns reicht`s, die unabhängige Betriebsgruppe im KBM
        V.i.S.d.P. und Kontakt: Ariane Müller, uns.reichts.bremen@t-online.de

https://betriebsgruppen.tem.li/bgunsreichts/

 

Update vom 1.4.2020

Systemrelevant? Wenn wir nicht aufpassen, sind wir die Opfer der Krisenstimmung. Es ist nicht das Virus und nicht die Krise, die uns entmündigen und unwürdige Arbeitsbedingungen verpassen. Die Arbeit kann anders und für Krisensituationen angemessen organisiert werden, wenn das Pflegersonal mit einbezogen wird. Doch die Tendenzen gehen in entgegengesetzte Richung, die Interessen und das Wissen des Personals sind nicht gefragt:

Ärzte und Pfleger warnen vor Zwangsarbeit

Nordrhein-Westfalen will per Gesetz Ärzte und Pflegekräfte zum Dienst verpflichten. Das könnte verfassungswidrig sein. Der Widerstand der Gesundheitsberufe ist groß.

Zeit 1.4.2020

 

Update vom 13.4.2020

Gewinne im Krankenhaus entstehen auf dem Rücken des Personals – Im Gespräch mit Katharina Schwabedissen

Covid-19 bestimmt den Alltag in Deutschland. In dieser Situation kommt den Beschäftigten im Krankenhaussektor eine wichtige Rolle zu. Wir haben mit Katharina Schwabedissen, die 1997 ihr Krankenpflegeexamen gemacht hat und seit 2014 als Gewerkschaftssekretärin arbeitet, gesprochen.

Die Freiheitsliebe: Weltweit breitet sich das Coronavirus aus. Waren Deutschland und das deutsche Gesundheitssystem darauf vorbereitet?

Katharina Schwabedissen: Wäre das deutsche Gesundheitswesen auf diese Pandemie – oder auf Ausnahmezustände überhaut – vorbereitet gewesen, wären wir jetzt in einer anderen Situation. Dann gäbe es jetzt keine Mangel an einfachen Dingen wie Schutzkitteln, Schutzbrillen und FFP-Masken. Und da rede ich noch nicht einmal von Beatmungsplätzen oder Personal.

Die Freiheitsliebe: Politikerinnen und Politiker bedanken sich eifrig bei den Beschäftigten im Gesundheitssektor – ist dieser Dank ausreichend?

Katharina Schwabedissen: Das müssen letztlich die Kolleginnen und Kollegen beurteilen, denen gedankt wird. Ich erlebe beides: Menschen aus dem Gesundheitsbereich, denen der Dank sehr gut tut, aber auch viele, die zornig darauf reagieren. „Dank“ ist für sie auch nichts Neues: Warme Worte und Applaus gibt es für Beschäftigte in den Gesundheitsbetrieben häufig. Das Problem ist nur, dass danach nichts mehr kommt. Seit 15 Jahren verschärft sich die Situation in den Kliniken und Altenhilfeeinrichtungen stetig und es passiert wenig. Die Gehälter sind schlecht, die Einführung einer am Bedarf orientierten Personalbemessung wird seit Jahren verhindert. Pausen, freie Wochenenden und arbeiten ohne Hetze – das kennen viele gar nicht mehr. Die Kolleginnen und Kollegen haben mehr verdient als Applaus.

Die Freiheitsliebe: Wie ist die aktuelle Situation von Krankenschwestern und Krankenpflegern?

Katharina Schwabedissen: ver.di hat 2014 eine Umfrage in deutschen Krankenhäusern durchgeführt. Dabei kam heraus, dass in unseren Kliniken 162.000 Stellen fehlen – davon allein 70.000 in der Pflege. Aktuell sind darüber hinaus ca. 17.000 vorhandene Stellen nicht besetzt. Entsprechend geht es den Pflegekräften: Sie sind völlig überlastet und arbeiten für zwei. 62 Prozent von ihnen sagen, dass sie den Beruf nicht bis zur Rente schaffen. Viele Azubis brechen ihre Ausbildung nach dem ersten Ausbildungsjahr ab, weil sie erleben, was es heißt, wenn Pflege zum permanenten Marathonlauf ohne Ziellinie wird. Gerade die jungen Kolleginnen und Kollegen lernen, was Pflege in der Theorie könnte und wie wenig davon im Alltag umsetzbar ist.

Dazu kommt die unglaublich hohe Verantwortung. Vor zwei Jahren hat eine junge Gesundheits- und Krankenpflegerin Jens Spahn bei der Kundgebung zur Gesundheitsministerkonferenz gefragt, ob er sich vorstellen kann, wie das ist, wenn man einen Menschen alleine sterben lassen muss. Das war ein unglaublicher Moment. Vielen standen die Tränen in den Augen, der Druck, die Trauer, die Wut waren mit Händen zu greifen. Wenn man nachts immer wieder allein für 40 Patientinnen und Patienten verantwortlich ist, wenn man Menschen nicht so versorgen kann, wie es angemessen und auch möglich wäre, dann macht das auf Dauer kaputt.

Und jetzt? Es gab zu der zugespitzten Lage in den Kliniken Proteste, Streiks, Aktionen, Briefe, Talkshows – und jetzt kommt Covid-19. Die Kolleginnen und Kollegen sehen die Bilder aus Frankreich, Italien, den USA. Und natürlich steht die Frage „Wann ist es bei uns soweit?“ mitten im Raum.

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4 Gedanken zu „Coronavirus: „Schon für das normale Tagesgeschäft sind Kliniken aus pflegerischer Sicht nicht gewappnet““

  1. In den italienischen Krankenhäusern sterben schon massenhaft die Kranken, die nicht mehr beatmet werden können, und das ist nur ein kleiner Vorgeschmack. 4 % der Kranken müssen wohl beatmet werden, das wären bei 70% Angesteckten in Deutschland über 2 Millionen. 25.000 Beatmungsbetten gibt es. Wenn die Infizierung nicht radikal verzögert wird, endet das im Massensterben.

    Wir sollten erkennen, wie die neoliberale Organisation des Gesundheitswesens die notwendigen Maßnahmen behindert und verzögert.

    Es ist nun offensichtlich, daß Tarifverträge nicht über eine Laufzeit von drei Jahren unterzeichnet werden dürfen, so wie Verdi es vor hat. Wir sehen es bereits in diesem Moment, daß völlig andere Personalzahlen für ein Funktionieren der Klinikbetriebs in Krisensiuationen wie dieser, notwedig sind!

    Dieser von Verdi ausgehandelte Tarifvertrag darf nicht von uns Beschäftigten abgesegnet werden!

    Das Gesundheitswesen darf nicht wirtschaftlichen Interessen unterworfen werden. Es muß den Interessen der Patienten dienen und darf die Beschäftigten nicht krank machen.

  2. Danke an medizinischen Personal – Kritik an Gesundheitspolitik

    Als Gewerkschafter*innen für Klimaschutz ist der Gesundheitsschutz unserer Initiative ein besonderes Anliegen. Daher wollen wir angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen und der Krise im Gesundheitssystem unsere Aktivitäten erweitern und laden dazu ein, folgenden Aufruf zu unterstützen.

    GewerkschafterInnen für Klimaschutz (und Gesundheitsschutz)

    Das Szenario:
    Im Krankenhaus liegt ein Patient im Intensivbett, um ihn herum tun Ärzte und Pflegekräfte alles, um sein Leben zu retten. Dies könnte sich in naher Zukunft drastisch ändern. Einer Patientin wird geholfen, einer anderen, älteren oder vorerkrankten, wird attestiert, dass ihre Überlebenschancen geringer sind. Sie bekommt keine Hilfe mehr – es wird auf den Tod gewartet. Diese Auslese wird Triage genannt. Triage bezeichnet ein nicht gesetzlich kodifiziertes oder methodisch spezifiziertes Verfahren der Priorisierung medizinischer Hilfeleistung. Es wurde insbesondere bei unerwartet hohem Aufkommen an Patienten und objektiv unzureichenden Ressourcen angewandt (bislang zu Zeiten von Kriegen usw.).

    Die Ursachen:
    Immer mehr Krankenhäuser wurden privatisiert und werden seitdem in einem unternehmerischen Sinn geleitet, d. h. es steht nicht mehr die Gesundheit der Patienten im Vordergrund, sondern die erwarteten Gewinne. Stand 2017 gab es 560 öffentliche, 662 freigemeinnützige/kirchliche und 720 (!) private Krankenhäuser. Dem Zwang wirtschaftlich zu arbeiten unterstehen aber alle Krankenhäuser.
    Um Gewinne zu maximieren, wird an allen Ecken gespart. Dies ist im unternehmerischen Sinne notwendig, da mehrere Krankenhauskonzerne miteinander konkurrieren. Gleichzeitig werden die Mittel drastisch begrenzt.
    Zuerst wird die Bettenanzahl reduziert, auch durch Schließung von kleineren, unrentablen Häusern, die jedoch wichtig für die örtliche Grundversorgung sind. Dann wird am Personal gespart. Dies geschieht durch zu niedrige Löhne und rigorosen Personalabbau, außerdem werden nicht medizinische Leistungen wie Reinigung, Großküche, Wäscherei an Fremdfirmen ausgelagert – oftmals zu Lasten der Arbeitnehmer/innen und der Qualität. Die verbleibenden Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte stehen unter enormen Druck durch die Arbeitsverdichtung: Die Last liegt auf immer weniger Schultern.
    (Zum Problem Fallpauschalen verweisen wir auf einen Artikel von Kalle Kunkel https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-kern-der-deutschen-krankenhausmisere)
    Zur Zeit fehlen 4700 Pflegekräfte in der Intensivmedizin, und das obwohl die Bettenzahl drastisch zu niedrig ist. Der Mangel an Pflegekräften wurde in den letzten Jahren immer größer.
    Nach Berechnungen von ver.di fehlen in Krankenhäusern bundesweit 162.000 Stellen, darunter 70.000 Pflegerinnen und Pfleger in 2015, Tendenz steigend.

    Deshalb fordern wir:

    -keine weitere Privatisierung und Schließung von Krankenhäusern
    -hohe Extrabesteuerung der Gewinne von Krankenhauskonzernen und Rückführung des Geldes in das Gesundheitswesen
    -hohe Zuflüsse von Mitteln aus dem Bund in das Gesundheitswesen
    -finanziert unter anderem durch Verringerung der Rüstungsausgaben und Streichung der überhöhten Ausgleichszahlungen an Energiekonzern für den Kohleausstieg
    -Pflegenotstand bekämpfen durch massive Neueinstellungen und Erhöhung der Ausbildungszahlen
    -Erhöhung der Einkommen der Pflegekräfte. Dadurch werden Pflegeberufe wieder attraktiv für junge Menschen und die Abwanderung in andere Berufe oder ins Ausland wird gestoppt.
    -vernünftige Arbeitszeiten von 35 Stunden regulärer Wochenarbeitszeit
    -die unverantwortliche Abwerbung von ausländischen Fachkräften aus dem medizinischen Bereich auf Kosten der Herkunftsländer einstellen
    -Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten an deutschen Hochschulen verbessern und stärken, ohne numerus clausus. (Wie aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, gab es im Wintersemester 1990/1991 noch über 95.000 Studierende der Medizin. Ihre Zahl sank bis zum Wintersemester 2015/2016 auf knapp unter 90.000.)
    -Ausbildung von Pflegekräften verbessern und stärken
    -geplante Aufnahme von Flüchtlingen in hoher Zahl und ihnen gleichzeitig eine Ausbildung und Eingliederung vornehmlich im Gesundheitswesen ermöglichen, je nach Vorbildung als Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte usw.

    Dafür setzen wir uns ein. Wir wollen ein Gesundheitswesen für die Menschen und nicht für den Profit! Unser Dank gilt ganz besonders dem medizinischen Personal wo immer sie für uns tätig sind.

    http://www.baso-news.de/Baso/Prgs/cmsimpleaktiv/?&Danke_an_medizinischen_Personal_-_Kritik_an_Gesundheitspolitik&realblogaction=view&realblogID=745&page=1

  3. Pflegekräfte kritisieren mangelnden Gesundheitsschutz angesichts der Coronakrise
    ++Material- und Personalmangel in Berliner Krankenhäusern++
    – Pressemitteilung des Berliner Bündnisses für mehr Personal im Krankenhaus –

    Mangelnde Händedesinfektion aufgrund der hohen Arbeitsbelastung, fehlende Schutzausrüstungen und keine flächendeckenden Tests von Beschäftigten auf das Corona-Virus gefährden den Gesundheitsschutz der Beschäftigten und Patient*innen in unseren Krankenhäusern. „Jahrelange Sparvorgaben und Produktionsverlagerungen ins Ausland, haben zu einer maximal knappen Materialbevorratung geführt, sodass jetzt nicht genug vorhanden ist. Schutzkittel, Masken und Mundschutz müssen teilweise mehrfach verwendet werden. Dass sorgsam mit den knappen Ressourcen umgegangen werden muss, ist jedem klar, jedoch dürfen Hygienerichtlinien auf keinen Fall zu sehr aufgeweicht werden” sagt Anja Voigt, Krankenpflegerin in Berlin.

    Diese teilweise prekären Verhältnisse existieren aber nicht nur in Krankenhäusern, sondern in allen Bereichen unseres Gesundheitswesens. Ambulante Pflegeeinrichtungen, Seniorenheime, Arztpraxen usw. überall herrscht Personal – und Materialmangel. Marcel Baltes, Geschäftsführer von Talea, ein Betreiber ambulanter Pflegedienste in Berlin, sagt dazu: “Wir haben uns bestmöglich vorbereitet, es gibt einen Notfallplan. Ein großes Problem aber stellen für uns die Lieferschwierigkeiten sowohl von Desinfektionsmittel, als auch von nötigem Schutzmaterial für unser Personal dar. Außerdem haben sich die Kosten für notwendige Arbeitsmittel drastisch erhöht, da gibt es inzwischen abenteuerliche Preise. Ohne diese Hygiene- und Schutzmaterialien werden wir aber die Versorgung von erkrankten Menschen nicht übernehmen können. Und das Ziel, Krankenhauseinweisungen möglichst zu vermeiden, kann so nicht erreicht werden.“

    Das Coronavirus trifft das deutsche Gesundheitswesen in Zeiten von Pflegenotstand und Versorgungslücken, die ihre Ursache in der Ökonomisierung durch Fallpauschalen (DRGs) haben. Die Entscheidung der Kanzlerin und der Landesregierungen, alle verschiebbaren Operationen bis auf weiteres abzusagen, ist sinnvoll. Auch die Krankenhäuser durch Kompensationszahlungen von Wettbewerb und Sparzwang zu befreien, geht in die richtige Richtung und hat erkannt: der Markt wird es nicht richten. Wichtig ist, um das Überleben der ambulanten Pflegeeinrichtungen zu sichern, müssen auch hier die anfallenden Kosten refinanziert werden. Gabi Heise, ebenfalls Krankenpflegerin in Berlin, sagt dazu: „Jetzt ist es wichtig, dass die Beschäftigten aller Berufsgruppen bei der Umstrukturierung der Versorgungsabläufe einbezogen werden, damit hier kein Chaos entsteht.“ Darüber hinaus sei es wichtig, dass die Kompensationszahlungen keine Finanzspritze für private Krankenhauskonzerne würden, sondern den tatsächlichen Bedarf zur Versorgung der Bevölkerung abdecken. „Kurzum, wir brauchen eine Abschaffung der Fallpauschalen und eine vollständige Refinanzierung aller entstehenden Kosten, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern“ so Heise weiter.

    Auch für Anja Voigt steht fest: „Ich glaube, dass wir diese Krise meistern können, nicht weil das Gesundheitssystem gut darauf vorbereitet ist, sondern weil wir uns alle den Arsch aufreißen werden. Aber darauf kann sich ein Gesundheitssystem nicht dauerhaft stützen.”

    http://www.baso-news.de/Baso/Prgs/cmsimpleaktiv/?&Pflegekr%C3%A4fte_kritisieren_mangelnden_Gesundheitsschutz&realblogaction=view&realblogID=746&page=1

  4. Mehr als Klatschen vom Balkon war wohl nicht drin.
    Die vollmundigen Versprechungen, es würde die systemrelevante Arbeit der Pflegepersonals besonders honoriert werden, erwiesen sich als heiße Luft.

    Das Personal wird weiterhin “verheizt”. In China machte man die Erfahrung, daß man die Sterberate des medizinische Personals im Umgang mit Cornopatien dramatisch senken kann, wenn man die Arbeitszeiten reduziert:

    Lehren aus Wuhan: „Ärzte und medizinisches Personal sollten nur sechs Stunden arbeiten“

    https://www.forumarbeitswelten.de/blog/lehren-aus-wuhan-arzte-und-medizinisches-personal-sollten-nur-sechs-stunden-arbeiten/

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