Krankes Gesundheitswesen

Operieren und kassieren

Ob ein Patient operiert wird, hängt von seinem Wohnort ab. Medizinische Gründe spielen häufig nicht die Hauptrolle für eine OP-Empfehlung. Zu diesem erschreckenden Ergebnis kommt ein Team von Journalisten und Wissenschaftlern im Auftrag des WDR. Die Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamtes zu rund 130 Millionen Krankenhausaufenthalten und die Recherchen des Teams vor Ort ergeben ein alarmierendes Bild: Menschen aus einigen Regionen werden sehr viel häufiger operiert als anderswo, oft aus Profitinteresse.
mdr 19.6.2017

Das alles ist schon lange bekannt. Wir haben hier ein paar Ausschnitte aus einem Artikel von 2014 herausgepickt:

Kliniken sanieren sich mit sinnlosen Operationen

Das Gesundheitswesen in Deutschland ist krank. Viele Patienten bekommen eine neue Hüfte, obwohl es gar nicht nötig wäre. Der Grund: Die Operationen bringen den Krankenhäusern Geld ein.

 

Ärzte können heute nicht mehr frei entscheiden, wie sie ihre Patienten behandeln. Sie wählen immer öfter jene Therapien, die am meisten Geld einbringen. Weil sie glauben, sie müssten so handeln. Weil die Klinikchefs entsprechende Vorgaben machen. So bekommen Patienten ein neues Kniegelenk oder eine neue Hüfte, obwohl es nicht nötig wäre. Oft werden sie danach auch noch früher aus der Klinik entlassen, als es aus medizinischer Sicht ratsam wäre.

 

Gesundheit hat sich in eine Ware verwandelt, wie Schuhe oder Autos, in ein Geschäft, in dem es um Betriebswirtschaft geht. Deshalb gibt es inzwischen auch kaum ein Land, in dem so viel operiert wird wie in Deutschland. Das Problem hat sich inzwischen derart verschärft, dass Insider Alarm schlagen.

Mit wem man auch spricht, Pflegern, Ärzten, Funktionären von Medizinerverbänden und Krankenkassen – alle sind sich einig, dass es so nicht mehr weitergehen kann.

 

Nun, nach zehn Jahren, sieht es so aus, als hätten die Fallpauschalen in den Chefetagen der Kliniken einen Geist freigesetzt, der das Wohl der Patienten gefährdet.

Einsparungen, Privatisierung, Stellenabbau. Die Kliniklandschaft hat sich im vergangenen Jahrzehnt enorm verändert. Wie sehr, das verdeutlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Vor zehn Jahren gab es in Deutschland 2166 Krankenhäuser mit 531.333 Betten. Im Jahr 2013 waren es 170 Kliniken weniger und nur noch 500.671 Betten. Im selben Zeitraum ist aber die Zahl der Patienten gestiegen – um zwei Millionen. Das können die Kliniken nur deshalb bewältigen, weil die Kranken kürzer bei ihnen bleiben als früher.

 

Je schneller die Klinik den Patienten entlässt, umso mehr rechnet sich für sie seine Behandlung. Das führt dazu, dass die Kliniken immer mehr Patienten aufnehmen – und sie dann schnell wieder loswerden wollen. Es führt außerdem dazu, dass Kliniken Operationsmethoden anbieten, die ihnen viel Geld bringen – obwohl ihnen dafür spezialisierte Ärzte und die Erfahrung fehlen. Nur so, sagen sie, könnten sie sich Patienten leisten, deren Behandlung aufwendig ist, also teuer. Für Ärzte und Pfleger steigt der Zeitdruck.

 

„Wer die Zustände kritisiert, gefährdet Arbeitsplätze“
Michael Simon, Gesundheitswissenschaftler

 

Doppelt so viel private Krankenhäuser

„Die Entwicklung der Ökonomisierung hat schon in den 80er-Jahren begonnen“, sagt der renommierte Gesundheitssystemforscher Michael Simon, Professor an der Hochschule Hannover.

Seit 2002 hat sich deshalb die Zahl der privat betriebenen Krankenhäuser verdoppelt – von 8,9 auf 17,9 Prozent.

 

Die anderen, Menschen wie Klinikmanagerin Irmtraut Gürkan und der Professor Michael Simon, sehen keinen anderen Ausweg als eine Revolution: „Es ist an der Zeit, über ein anderes Finanzierungssystem nachzudenken.“

Welt 14.12.2017

4 Gedanken zu „Krankes Gesundheitswesen“

  1. Da es hier um das Gesundheitswesen als Ware und um das UKSH im Speziellen geht, möchte ich mich an diese Stelle nochmal ausdrücklich bei Carl Hermann Schleifer bedanken, ohne den diese famose weiße Fabrik nicht möglich gewesen wäre. Glückauf, alter Ex-Staatssekretär der Finanzen! Man sieht sich vielleicht mal auf der OP5…

  2. Ein weiterer Bericht, der die neoliberale Zerstörung des Gesundheitswesens beschreibt:

    Dr. Hontschiks Diagnose
    Totalschaden

    Kurze Liegezeiten, gnadenloser Arbeitsdruck für Ärzt*innen und Pfleger*innen – wie die Krankenhausfinanzierung die Medizin zerstört.

    Etwa um die Jahrtausendwende fand im bundesdeutschen Gesundheitswesen so etwas wie eine Revolution statt, von der zunächst aber nur Eingeweihte und unmittelbar Betroffene etwas bemerkten. Es handelte sich um eine fundamentale Neuordnung der Krankenhausfinanzierung. Die Krankenhäuser wurden bis dahin mit sogenannten Tagessätzen finanziert. Für jeden Tag Liegezeit der Erkrankten erhielt das Krankenhaus eine bestimmte Pauschale, eben den Tagessatz. Dieses zeitorientierte System wurde zwischen 1999 und 2002 schrittweise durch die sogenannten Fallpauschalen abgelöst.

    weiter: https://www.fr.de/ratgeber/gesundheit/totalschaden-10966265.html

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